Gläserne Decke und Frauenquote

Gläserne Decke und Frauenquote

“Gläserne Decken? Sei 100% natürlich DU und Dein Licht leuchtet Dir den Weg.”

Das steht auf der Rückseite eines Teils meiner Visitenkarten.
Wie? Gläserne Decke? Was meinst du denn damit? Diese Frage habe ich von vielen Freunden, männlich und weiblich erhalten. Diese arbeiten als Lehrer, als Freiberufler, als Erzieher, sind noch Studenten. Oder Männer in mittleren Führungspositionen oder normalen guten Positionen in Vertrieb, Controlling oder Einkauf, die die Frauenquote in Konzernen belächeln.
Ich lächle auch. Wie selektiv Wahrnehmung doch immer wieder ist.

Lesen Frauen grob zwischen 30 und 45 Jahren, die in mittelständischen Unternehmen oder Konzernen arbeiten und Führungspositionen anstreben, den Satz, sind die Reaktionen deutlich anders: wissend wird mit dem Kopf genickt, schnell sind Beispiel-Situationen gefunden und oft mischt sich auch zügig das Wort Frauenquote oder Männerdomäne in die Konversation oder Aussagen wie diese: Ist leider oft immer noch so, dass ich als Frau viel härter arbeiten muss und bessere Ergebnisse schneller abliefern muss als die männlichen Kollegen um mich für die frei werden Teamleiter-Stelle zu empfehlen. Je höher in der Hierarchie wir schauen, desto unmöglicher scheint es, sich als Frau gegen die Mitstreiter des anderen Geschlechtes durchsetzen zu können.

Dieses Phänomen hat den Namen “Gläserne Decke” bekommen. Eine gefühlte Grenze, an die Frau stößt, die aber niemand sieht, gläsern eben und somit nicht greifbar oder beweisbar. Besonders, wenn die obersten 2-3 Führungsebenen rein mit Männern besetzt sind. Auch ist von Situationen zu hören, in denen in den Führungsebenen 1 oder 2 Frauen ihren Platz zwischen den Herren der Schöpfung gefunden haben und somit der Weg ja für eine weitere Auflockerung geebnet sein müsste. Es scheint allerdings in dieser Konstellation oft noch härter für weitere weibliche Führungskräfte zu sein, besonders, wenn sie noch jünger sind, ihren Platz dort zu finden.

Die Politik hat dieser in den Medien breit und skandalös diskutierten, nicht mehr tolerierbaren Situation in den Chef-Etagen der Konzerne, vor 3 Jahren die Frauenquote für gut 100 definierte Konzerne entgegengesetzt. So richtig viel passiert ist seitdem nicht. Zumindest gefühlt und wenn man den regelmäßig bemühten Statistiken der Presse glauben schenken darf.
Aber was passiert denn eigentlich wirklich?
Sind wir Frauen einfach zu schwach? Zu stutenbissig? Zu wenig durchsetzungsstark? Zu emotional? Eben einfach nicht so qualifiziert wie unsere männlichen Kollegen? Alles Bullshit!

Meiner Meinung nach gilt es, ein Muster, eine über fast ein Jahrhundert gelernte Struktur im Kopf zu verändern. Und ebenso unsere Anpassungsfähigkeit an die Geschwindigkeit der Veränderungen, die um uns herum geschehen.
Damals war es einfach so, dass platt gesagt, Männer in der Firma gearbeitet haben und Frauen im Haushalt gearbeitet haben. Das System hat lange so funktioniert. Im Laufe der Jahrzehnte haben Rollenbilder sich immer mehr verändert, sodass heute auch Männer Elternzeit nehmen, Wäsche machen oder Kochen und Frauen ebenso einen Job haben, ihr eigenes Geld verdienen und den Rasen mähen. Oder aber auch glücklich mit der “alten” Rollenverteilung sind. Ich bleibe gerade mal bewusst bei einer recht oberflächlichen Darstellung, es geht mir in diesem Moment nur um den Wandel, der im echten Leben stattgefunden hat, zumindest in unseren Industrie-Nationen.
Trotz dieser enormen Veränderungen, ist ein großer Teil der Kommunikation, die uns täglich umgibt – Werbung, Produktdesign, Nachrichten – oft noch in den alten Bildern verhaftet: Die Ballons für die Baby-Party “It’s a boy” sind natürlich himmelblau, das “Ohne-Ziepen-Schampoo” für Kinder ist natürlich rosa mit Prinzessin und das Frauen-Sandwich ist mit Pute, das Männer-Sandwich mit Steak. Auch hier bewusst plakative Beispiele.

Meiner Meinung nach laufen in unseren Gesellschaften, in unserer Welt verschiedene Entwicklungsprozesse mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten ab.

  1. Wie wir Menschen tatsächlich agieren und gestalten
    ->In klassischen Strukturen (bewusst selbstgewählt) – Er ist Sparkassenleiter, Sie arbeitet im Schulsekretariat 3 Vormittage/Woche
    ->In um 180 Grad gedrehten Strukturen (ebenfalls bewusst gewählt) – Er ist Hausmann und kümmert sich um die Kinder, Sie ist Abteilungsleiterin in der Produkt-Entwicklung
    ->In den sogenannten “alternativen” Strukturen – Sie&Sie sind verheiratet, Sie hat 2 Kinder ausgetragen und Sie&Sie teilen sich alle Aufgaben und sind selbstständig und freiberuflich tätig
    ->In den “neuen” Lebenskonzepten – Er&Sie leben und arbeiten ortsunabhängig und planen vielleicht, Kinder die ersten Lebensjahre in Asien großzuziehen
    ->In Mischformen aus allem: Er, Mechatronik-Meister in Wohnung 1, Er&Sie Rentner-Ehepaar in Wohnung 2, Sie, Studentin digitales Marketing in Wohnung 3, Er&Er Lehrer und Controller in Wohnung 4, Er&Sie mit 3 Kindern in Wohnung 5 – und alle Zusammen in einem Generationenhaus
    Um nur ein paar Beispiele der heutigen Lebenskonzepte zu nennen. Unsere Freiheit, mehr Optionen zu haben als vor 100 Jahren, bringt gleichzeitig eine höhere Komplexität mit sich.
  2. Die Kommunikation der Medien, Marken und Hersteller, die uns umgibt
    Vor 100 Jahren haben Menschen in Hamburg beim Drogisten Budnikowsky Nivea Creme und Persil Waschmittel am Verkaufstresen gekauft oder vielleicht getauscht und die Tagesausgabe vom Hamburger Anzeiger gelesen, in der über den Nobelpreis für die Begründung der Quantenphysik an Max Planck berichtet wurde und Osram für seine sehr energiesparenden Glühbirnen wirbt.
    Vor 50 Jahren (1968) sind die Hamburger beim Spar oder Edeka durch lange Gänge mit einer Vielzahl von Markenprodukten gegangen, danach zum Drogisten, haben die Nachrichten im Hamburger Abendblatt, der Hamburger Morgenpost, im Radio gehört oder im Fernseher gesehen und sind dort auf die neueste Musik, besondere Angebote und Neuheiten der Markenartikler gestoßen. Neben der Werbung in der Zeitung für Persil, lief im Fernsehen der Werbespot für Ariel und den Weißen Riesen und in die Haushalte konnte man sich Kataloge von Neckermann oder Quelle bestellen und so einkaufen. Es sind auch die ersten Jahre, in denen laut BGB “…eine Frau berechtigt ist, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.” und ein eigenes Konto führen kann ohne die Erlaubnis des Ehemanns.
    Vor 20 Jahren (1998) ist der Hamburger mit dem Auto erst zum Aldi, dann zum Spar und zum dm gefahren. Neben allen Markenartikeln gibt es auf einmal günstigere Versionen mit schlichterem Design zu kaufen; die Eigenmarken der Händler haben flächendeckend Einzug in die Haushalte gehalten. Die Menschen informieren sich über Tageszeitungen, Zeitschriften, Radio, das Fernsehen und den Video-Text und über die wöchentlich im Briefkasten liegenden Prospekte der Supermärkte. Die Neuauflagen des Telefonbuchs sind wichtig und Telefonkarten wetteifern um das schönste Design, aber die Menschen beginnen sich an die neuen langen Nummern der ersten Handys zu gewöhnen. Die Kommunikation wird erstmalig ortsungebunden.
    Vor 10 Jahren (2008) haben Computer und Internet eine Durchdringung von gut 70% aller Haushalte in Deutschland erreicht. 75% aller Haushalte besitzen ein Auto, die Arbeitswege sind im Durchschnitt um die 20km und dauern knapp 30 Minuten und knapp 70% aller Frauen sind berufstätig. In den Supermärkten sind ähnlich viele Männer und Frauen zu finden, die Auswahl an Produkten bei Marke und Eigenmarke ist riesig geworden. Die Hamburger googlen am PC zu Hause, wenn sie etwas über ein Produkt wissen wollen und manchmal bestellen sie etwas bei Amazon.
    Vor 5 Jahren (2013) bestellen die Hamburger einen Teil ihrer Einkäufe online, die sie entweder im Prospekt zu Hause gesehen haben, in der Fernseh- oder Radiowerbung, in Zeitschriften oder ca. 40% von ihnen über ihr smartphone. Eigenmarken Produkte sind teilweise kaum noch von Markenartikeln zu unterscheiden und das Einkaufsverhalten der Menschen wird immer stärker geprägt von Produkt-Bewertungen anderer. Der Konsum von Informationen wird aktiver durch die große Auswahl an Medien und die mittlerweile 25 Mio. Facebook Nutzer in Deutschland.
    Heute sind 75% aller Frauen erwerbstätig, ca. 70% aller Menschen besitzen ein Smartphone und 91% der Menschen in Deutschland nutzen das Internet. Nicht nur die Hamburger kaufen durchschnittlich bei 7 verschiedenen Einkaufsstätten ein (ohne ecommerce), schauen einen Mix aus Netflix, Fernsehen und You-Tube Videos, hören Podcasts und Musik über spotify und im Auto Radio. Posten ihr Essen auf Instagram und gucken, wenn neue Arbeitskollegen ins Team kommen, erstmal bei Xing und Facebook, wer er oder sie ist. Das eigene Auto, DriveNow, der Zug, die SBahn oder der nette Fahrer von myTaxi bringt uns zum Bahnhof oder Flughafen und über Google Maps prüfen wir, wo wir parken können, wann die Bahn kommt, wo das nächste freie Fahrzeug steht und ob der Fahrer auch den kürzesten Weg nimmt. Und die Medien schreiben über Fachkräftemangel und die Digitalisierung, von der keiner so richtig zu wissen scheint, was das eigentlich genau heißt.
    Unterm Strich wird es immer schwieriger für Marken, Hersteller und auch die Redakteure der verschiedenen Medien, ihre Zielgruppen zu erreichen. Viele Themen sind so vielschichtig geworden, dass es fast unmöglich ist, den einen Weg der Ansprache zu finden. Übergreifende Themen, die die breite Masse erreichen, so wie die Fußball-WM, werden immer weniger. Da wir Menschen pro Tag nur eine begrenzte Anzahl an Entscheidungen treffen können, machen wir es uns manchmal einfach. Dann ist das “Ohne-Ziepen Shampoo” eben rosa mit einer Prinzessin drauf – der oder die Produktmanager wussten halt auch nicht, ob die gender-neutrale grüne Variante mit Superhelden-Fischen beim alleinerziehenden Papa im dm ankommt, oder ob die Mama, die den Wocheneinkauf im Rewe mit ihren beiden Töchtern erledigt, das Produkt in Grün überhaupt wahrnimmt oder der Algorithmus von Amazon und Google genug positive Bewertungen dazu finden wird, weil Kinder genau das Shampoo wieder haben wollen.

3. Unsere eigenen Gedanken und unsere eigenen Muster im Kopf
Dinge und Zusammenhänge, die wir wiederholt sehen, hören und selber denken oder aussprechen, bleiben uns im Gedächtnis und wir verinnerlichen sie. Das ist keine neue Erkenntnis. Und das jeder Mensch eine bestimmte eigene Grenze der Aufnahmefähigkeit hat, wissen wir auch. Ich vermute, zweiteres haben wir alle in den vergangenen 5 Jahren öfter erlebt als in den 5 Jahren davor. Das hat nichts mit steigendem Alter zu tun, sondern eher an der höheren Anzahl an Informationen, die es täglich zu verarbeiten gibt im Vergleich zu vor 10 Jahren.

Ein simples Beispiel: vor 10 Jahren stehe ich vor dem Milch-Regal im Supermarkt und habe die Wahl zwischen H-Milch 3% oder 1,5% Fett oder frischer Milch und je nach Supermarkt zwischen 2 und 4 verschiedenen Anbietern. Ich muss 3 Entscheidungen treffen zu Themen, die ich verstehe und schon kenne: 1. H-Milch oder frische Milch, 2. Fettreduziert oder nicht, 3. Welche Marke.

Heute stehe ich vor dem Milch-Regal und habe neben den genannten Optionen noch die Auswahl zwischen Soja-Milch, Mandel-Milch, Reis-Milch, Lupinen-Milch, Bio-zertifiziert oder organic oder demeter, hergestellt regional, in der EU oder fair trade. Ich muss zwischen 4 und 6 Entscheidungen treffen um den Kauf für 1 Paket Milch zu tätigen. Zudem stelle ich mir vielleicht noch die Fragen: was sind eigentlich Lupinen? Was ist denn ethisch vertretbar? Ist Soja noch nachhaltig? Und was ist eigentlich wirklich gesund? Welche Zertifizierung steht für was und wie weit geht die Aussage “regional”?
Unser Hirn macht es sich bei zu viel Information-Overload manchmal einfach leicht und wir entscheiden uns für etwas, das wir kennen, das wir verstehen. Bei der Milch kann das schlicht und ergreifend der Preis sein, bei dem wir ein gutes Gefühl haben oder das Produkt, was unsere Eltern oder Freunde gekauft haben. Oder wir nehmen gezielt ein Produkt, weil die Entscheidung schon vor dem Betreten des Supermarktes gefallen ist; somit entziehen wir uns dem Entscheidungsprozess vor dem Milchregal.

Dieses System funktioniert nicht nur bei Kaufentscheidungen. Wir treffen Tausende Entscheidungen jeden Tag, teilweise unterbewusst, teilweise bewusst. Dazu gehören auch Entscheidungen, wie wir etwas oder jemanden finden oder wie wir etwas bewerten, in welche Schublade wir etwas oder jemanden stecken.
Je schneller und häufiger wir mit neuen Informationen und Situationen konfrontiert sind, bei denen uns ein schnelles Verarbeiten und Einordnen schwer fällt, desto öfter greift unser Hirn unterbewusst auf bestehende Schubladen zurück und prüft “nur noch”, welchem bekannten Thema die Information am ähnlichsten ist um sie hier einzusortieren. Wir überspringen dann den langsameren Prozess der Komplett-Verarbeitung, bei dem eine neue Schublade entstehen könnte und tun uns letztendlich schwerer damit, unsere Sichtweisen zu ergänzen oder zu überdenken.

Die drei genannten Entwicklungsprozesse (menschliches Handeln, mediale Kommunikation und unsere Gedankenmuster) sind meiner Meinung nach stark miteinander verknüpft und laufen grundsätzlich in verschiedenen Geschwindigkeiten ab, sowie zusätzlich für jeden Menschen individuell mit unterschiedlicher Geschwindigkeit innerhalb jedes Bereichs.
Je mehr Komponenten jeder der drei Stränge hat, desto mehr unterschiedliche Geschwindigkeiten existieren innerhalb jedes Bereichs und desto mehr Konfliktpotenzial besteht.

Ein Beispiel: Wir nehmen wieder den Supermarkt. In einer Kleinstadt. Ein Mann steht mit dem Wochenprospekt suchend vor den Aktionsangeboten und vergleicht immer wieder den Prospekt mit den Preisschildern der Angebote vor ihm. Eine Frau kommt schnellen Schrittes zu den Angeboten, ihr Handy in der Hand und sendet eine Sprachnachricht nach der nächsten; sie fotografiert 6 Angebotsartikel, schickt diese auch weiter und endet in ihrer letzten Sprachnachricht mit “Alles klar, dann steht der Essensplan für die Woche und die Weihnachtsgeschenke sind komplett geplant – bis gleich”. Über den Lautsprecher im Supermarkt ertönt folgende Werbung, die ein Mitarbeiter durchsagt: “Finden Sie in Korb 1-3 die Angebote von Montag bis Mittwoch, in Korb 4-6 die Angebote von Donnerstag bis Samstag und shoppen sie 24/7 in unseren Onlineshop einen Großteil des Sortimentes, den Sie gerne auch per Click&Collect in einer unserer Filialen abholen können. Vor Ort zahlen Sie bitte bar, online auf Rechnung.”

Die Situation ist jetzt so:
-> als ob der Mann mit 50kmh den Supermarkt betritt, der mit 70kmh unterwegs ist und über die Frau mit 100kmh unterwegs ist, denkt “Was für eine arrogante Person”, da er gar nicht so schnell erfassen kann, was sie macht und den Supermarkt frustriert verlässt ohne etwas zu kaufen mit dem Gedanken “Hier arbeitet ja keiner mehr vernünftig”.
-> als ob die Frau mit 100kmh den 70kmh schnellen Supermarkt betritt, den 50kmh schnellen Mann gar nicht wahrnimmt und mit 200kmh denkt “Onlineshop, gute Idee, aber nur auf Rechnung, wie unpraktisch. Alles klar, dann mach ich das beim Wettbewerb, da habe ich mehr Optionen”
-> als ob der 70kmh schnelle Supermarkt (Betreiber) hofft, mit den Angeboten an jedem Wochentag, online und kombiniert, genug Menschen in der Kleinstadt bei ihm kaufen zu lassen in der richtigen Geschwindigkeit, damit er abends mit 130kmh zu seiner Familie kommt und mit 40kmh zu denken: “Wer ist eigentlich mein durchschnittlicher Kunde?”.

Die vielen kleinen und großen Situationen, die wir so oder so ähnlich jeden Tag durchlaufen, machen unser Leben komplex. Und anstrengend, wenn wir nicht ausreichend Regenerationspausen haben.

Was hat unsere komplexe Gesellschaft jetzt eigentlich mit gläsernen Decken und der Frauenquote zu tun?
Nun, meiner Meinung nach ist es in unserer Arbeitswelt heute einfach so, dass Frauen mit 150kmh dort aufschlagen, wo auch Männer mit 150kmh tätig sind. Beide Seiten sind aber oft aufgrund der hohen Schlagzahl an neuen Informationen und geforderten Entscheidungen, nicht in der Lage mit ihrem Hirn neue Schubladen zu kreieren. Somit kramt unser Unterbewusstsein den einfachen Weg, das lange (gesellschaftlich) Gelernte hervor und Männer neigen dazu, Frauen gar nicht auf Augenhöhe wahrzunehmen oder als relevant in Betracht zu ziehen (sie waren ja jahrzehntelang nicht Teil der Arbeitswelt und wenn, dann in unterstützenden Funktionen), sowie Frauen dazu neigen, sich selber kleiner, stiller zu machen, doch dem Kollegen den Vortritt zu lassen und zu hinterfragen, ob sie das wirklich so sagen oder machen können (sie haben ja jahrzehntelang gesehen, wie Männer die Entscheidungen getroffen haben und wie Männer als erfolgreich und als Vorbilder gefeiert wurden).

Die eigentliche Herausforderung in den Gesellschaften unserer Industrie-Nationen ist es, genügend Ausgleich und Ruhephasen für die Menschen zu schaffen, damit sie Informationen bewusster verarbeiten und filtern können. Nach und nach können so neue Schubladen in den Köpfen entstehen, die neue Gedanken- und Handlungsmuster zulassen.
Wir können dann offener wahrnehmen, was um uns herum passiert und wie viel Mehrwert wir erzielen können, wenn wir nicht 50% der Gesellschaft gedanklich ausschließen – das gilt für beide Seiten.

Für diesen Prozess hilft eine Frauenquote herzlich wenig meiner Ansicht nach. Diese füttert hauptsächlich die Medien, die mit der Diskussion um die selbige die Abdeckung einer möglichst großen Zielgruppe wittern (Frauen und Männer, die erwerbstätig sind plus junge Menschen kurz vor dem Berufseintritt; das dürften grob zwischen 45-50 Millionen Menschen in Deutschland sein). Wissend um die komplexen Geschwindigkeitsdilemmata ist das Vorgehen absolut nachvollziehbar für mich. Und die Politik kann nachweisen, dass sie etwas umgesetzt hat und wieder an anderen Themen im Hintergrund arbeiten.

Vielleicht zahlt die Diskussion aber letztendlich darauf ein, dass unsere Synapsen im Gehirn nach und nach die Verbindungen finden zwischen Fachkräftemangel, Work-Life-Balance, Frauenquote, gläsernen Decken und der Innovationskraft unserer Gesellschaft.

Was bedeutet diese Erkenntnis denn nun im “wirklichen” Leben?
“Gläserne Decken? Sei 100% natürlich DU und Dein Licht leuchtet Dir den Weg.”

Für mich bedeutet es für die Arbeitswelt für Frauen und Männer:

  • Bewusst in Situationen/Meetings/Kundentermine zu gehen und die Aufmerksamkeit 100% dort haben
  • Es gibt fast immer mehrere Wege um ans Ziel zu kommen – vertraue dir selber und lass die Resultate für dich sprechen – deine Art etwas zu tun, macht dich einzigartig
  • Offen sein für die Reaktionen anderer und anderen Menschen Raum geben, bei dir anzukommen
  • Bei dir selber zu bleiben, auch wenn dir andere Meinungen entgegengebracht werden und diese Meinungen anhören
  • Gute Ergebnisse und Erfolge aussprechen und mit anderen teilen
  • Das gilt auch für die Erfolge anderer – nimm sie mit, da wo es geht
  • Schwächen zeigen – niemand ist perfekt – und daraus lernen
  • Zwischendurch Innehalten und wahrnehmen, was wirklich passiert

Puh, langer Beitrag 🙂 Toll, dass du dran geblieben bist. Und vielleicht hast du auch etwas mitgenommen.

Schreib mir gerne deine Gedanken zum Thema als Kommentar.

Deine Judith (JJ)